Autoren gegen Rechts

Es gibt Zeiten, da muss man Position beziehen und den Mund aufmachen. Dies ist so eine Zeit. Ich stehe nicht alleine da, andere Autorinnen und Autoren wehren sich gegen den Hass und die Gewalt Asylanten, Ausländern, einfach "den Anderen" gegenüber. Dafür habe ich die nachfolgend stehende Erzählung geschrieben.

1993 - 2015

Ich sehe die Fernsehnachrichten und glaube mich in eine Zeitmaschine versetzt. Wir haben das Jahr 1993 und ich schreibe einen Artikel zu den gerade erlebten schrecklichen Ereignissen:

Weltblick, 5. Jahrgang, Nr. 2, 1993, Seite 25

Wie nah ist doch der Hass!

von Manuela Eckenbach-Arndt

Was ist wirklicher? Die Realität oder die Vorstellung von der Realität? Ich verfolge nun seit geraumer Zeit in den Fernsehnachrichten die Bilder aus Rostock-Lichtenhagen und Mölln. Ich bin live bei den gewalttätigen Demonstrationen der neuen Rechten. Reality-TV liefert mir die Bilder von Brandanschlägen und Prügelszenen ins heimische Wohnzimmer. Und doch ist das alles so weit entfernt, zweidimensional. Ich fühle mich sicher, da die Krawallmacher ja immer woanders sind. Nur nicht in meiner Stadt – in Solingen.

Und dann brennt es gerade dort in der eigenen Nachbarschaft. Womöglich kennt man die Opfer noch, oder die Täter. Plötzlich eskaliert alles. Jetzt ist man nicht nur unmittelbar in das Geschehen hineingezogen und über die Tat erschüttert, plötzlich ist man auch noch in Gefahr, weil die vermeintlichen Opfer jetzt zurückschlagen. Sie wollen sich das nicht mehr gefallen lassen. In die teilnehmende Betroffenheit und Entrüstung mischt sich die Angst. Schaufensterscheiben gehen zu Bruch und Autos in Flammen auf. Als dann für samstags eine Großdemonstration angesagt wird, verfällt die Stadt in Panik und verbarrikadiert sich wie zu Kriegszeiten.

Gegen wen eigentlich?
Ist der Schock um die Erkenntnis, dass Toleranz und Mitmenschlichkeit mit Ausländern und Minderheiten jedermanns Sache ist, so groß, dass wir die Augen davor verschließen müssen, d.h. die Fenster verbarrikadieren müssen, um nicht zu sehen, was auf der Straße vorgeht? Wie ein Kind, dass vor Angst die Augen schließt und sich vorstellt, es wäre woanders?

Wir sind dafür
Die Welt, wie wir sie erleben, ist in uns. Hass und Gewalt sind auch in uns. Es ist eines jeden Menschen Aufgabe, sie in Liebe und Toleranz zu verwandeln. Dabei ist es nicht nötig, gegen etwas zu sein, gegen Ausländerhass, gegen Gewalt, gegen Krieg etc., sondern wir müssen für das Positive sein, für Toleranz, für Völkerverständigung, für die Liebe.

Wann wird man je verstehen - heute

Zweiundzwanzig Jahre später erkenne ich resigniert, dass sich nichts geändert hat. Der Hass hat neue Gesichter, aber die Vorurteile und Schlachtrufe sind die alten geblieben. Die Politik eiert hilflos wie seinerzeit durch das Chaos der hereinflutenden Völkerwanderung aus den Krisengebieten. Den Flüchtlingen bleibt nichts anderes übrig, als diesem Hin und Her zu folgen und auf dem Balkan im Zickzack-Kurs die rettenden Grenzen zu Österreich und Deutschland zu erreichen.
Die Betroffenheitsrituale sind von früher auch noch bekannt. Öffentliches Entsetzen in den Medien und Spendengalas; Sedativa für das kollektive schlechte Gewissen.
Allein die selbst organisierte Unterstützung zahlreicher Helfer in den großen Städten gibt mir ein wenig Hoffnung. Aber kaum ist der Willkommensapplaus für die Flüchtlingszüge verklungen, brennen erneut Wohnheime und Containerunterkünfte von Asylanten. Ich anerkenne, es wird sie immer geben, die Ausgrenzer, Aufhetzer und Brandstifter. Sie machen nur einen Bruchteil der Gesamtbevölkerung aus, aber ihr lautes Geschrei und ihre brutale Zerstörung ist augenfälliger als die selbstverständliche Hilfsbereitschaft tausender Mitbürger. Ich weiß nicht, die lange die Mauer der Gutwilligen den rechten Hass aufhalten kann. Ich hoffe, noch lange. Denn es gibt schon genug Stolpersteine in Deutschland. Es müssen nicht Neue hinzukommen.

 

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